MANIFEST 1522

MANIFEST 1522 Das kommende Jahr 2022 ist für die Evangelische Pfarrgemeinde Schladming ein ganz besonderes Gedenkjahr. Seit 500 Jahren gibt es in ihrem Bereich evangelisches Leben. Dieses war zunächst geprägt von der wechselvollen Geschichte der Reformation und der Gegenreformation. Es erfuhr dann ein Jahr nach dem Toleranzpatent von Joseph II. in der Gründung der Toleranzgemeinde 1782 einen Neubeginn und in der Fertigstellung der Peter-und-Paul-Kirche 1862 einen Höhepunkt. Der theologischen Besinnung auf die eigene Identität und der Schärfung des Profils dient als Auftakt für das Gedenkjahr dieses Manifest 1522.

1. UNSERE GEMEINDE Die Evangelische Pfarrgemeinde Schladming steht in der Tradition der Reformation Martin Luthers und hat sich von Anfang an gemäß dem apostolischen Glaubensbekenntnis als eine Gemeinschaft der Heiligen verstanden, die durch die Vergebung der Sünden zu Christus gehört und vor Ort sichtbar seinen Leib bildet und repräsentiert. Die Zugehörig-keit zum Leib Christi ist dabei nur äußerlich ein menschlicher Schritt. Geistlich betrachtet ist sie ein Widerfahrnis, das empfangen wird. Niemand macht sich selbst zu einem Heili-gen, sondern Gott ordnet sich seine Heiligen in der Wasser- und Geistestaufe zu und gliedert sie dadurch in seine Familie ein. Das Handeln Gottes bei diesem Anfang stellt am besten die Kindertaufe dar. Sie wird im Neuen Testament (Kol. 2,11-13) mit der Beschnei-dung parallelisiert und ist dadurch das Bundeszeichen des neuen Bundes. Das Heilshandeln Gottes setzt die Unfreiheit des menschlichen Willens in geistlichen Dingen voraus. Nur so ist die Erlösung allein Gottes Gnade. Aus ihrer Geschichte weiß die evangelische Pfarrgemeinde Schladming, dass sie nie eine ganz reine Gemeinde ist, sondern immer nur eine unvollkommene gemischte Gesellschaft bleibt. Da aber die Angst davor, sich an einer bösen Welt anzustecken, als Kontrolle bekundet, nur in die Bespitzelung und in die Isolation führt, muss vorerst genügen, dass allein Gott die Herzen kennt. Gläubige müssen die Echtheit und Qualität ihres Glaubens nicht erst aufweisen und beweisen. Sie werden im Endgericht identifiziert und dann wie der Weizen vom Unkraut getrennt. (Lk. 13,24- 30). Bis dahin wirkt der Geist Gottes durch das verkündigte Wort Gottes Gemeindezucht und zwar als Selbsterkenntnis. Gemeindezucht gemäß dem Schlüsselamt des Petrus zu Pfingsten in Jerusalem und bei Cornelius in Caesarea ist kein Ausschließen aus der Gemeinde, sondern ein Aufschließen für die Gemeinde (Mt. 16,19 Apg. 2+10).

2. UNSER GEISTLICHES LEBEN Die Frömmigkeit in der Evangelischen Pfarrgemeinde Schladming ist vom lutherischen Pietismus geprägt. Das geistliche Leben ist die Christusbeziehung. Die Christusbeziehung ist eine geistliche Wirklichkeit und insofern eine Glaubenswirklichkeit. Trotzdem übergeht sie nicht die geschöpfliche Welt. Sie ist keine unmittelbare, sondern eine dialogische Beziehung und bedeutet keine substantielle Verschmelzung mit Christus. Sie vertieft sich durch die Praxis von Gebet und Beichte und durch Glaubensgehorsam. Im Glauben leben bedeutet in der Nachfolge und Abhängigkeit von Christus leben. „Er hat sie mit Blut erkaufet mit dem Geiste sie getaufet.” (EG 123,6) Christus dient nicht als Projektionsfläche für eigene Vorstellungen und Bedürfnisse, sondern er ist als einzige Tür zu seinen Schafen (Joh. 10,1-9) auch der einzige Einstieg in den Glauben. Gott ist nicht ohne Christus zu finden. „Christus, wie er in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist für die Glaubenden das eine Wort Gottes, das sie zu hören, dem sie im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben … Wie Jesus Christus Gottes Zuspruch der Vergebung aller ihrer Sünden ist, so und mit gleichem Ernst ist er auch Gottes kräftiger Anspruch auf ihr ganzes Leben” (Barmer Bekenntnis 1+2). Gerechtmachung und Heiligung durch Christus gehören zusammen. Als gerecht Gemachte bleiben Glaubende trotzdem immer Sünder 1 Manifest 1522 und leben doch gleichzeitig ein neues Leben, in dem sie im Glauben wachsen und immer mehr werden wie Christus. Die Evangelische Pfarrgemeinde Schladming achtet auf eine ausgewogene, trinitarisch orientierte Frömmigkeit. Ihre Glaubenden haben Ehrfurcht vor dem großen Schöpfer vor sich und über sich. Aber sie nahen sich ihm auch vertrauensvoll wie Kinder ihrem liebenden Vater. Sie leben mit Christus dem Erlöser, der nicht gegen, sondern für sie ist, als seine Freunde. Aber sie erwarten ihn auch gespannt als den wiederkommenden Weltenrichter. Sie erfahren den Heiligen Geist in sich als ihren Lenker. Er bewirkt in ihnen beständig Umkehr, bewahrt sie gleichermaßen vor Untätigkeit und Aktionismus, beschenkt sie mit geistlichen Begabungen und befähigt sie zu mutigem Zeugnis.

3. UNSERE BIBEL Die Evangelische Pfarrgemeinde Schladming ist eine Frucht der reformatorischen Rückbesinnung auf die Bibel als Wort Gottes. Sie hält bis heute an ihrer grundsätzlichen Klarheit und prinzipiellen Gültigkeit fest. Christus ist jedoch die ordnende Mitte der Heiligen Schrift. Ihre Autorität leitet sich ab von seiner Zentralität. Nur von Christus her ist die Bibel richtig zu verstehen. Ihre beiden textlichen Hauptfunktionen Gesetz und Evangelium sind auseinanderzuhalten. Aus diesem Grund hat sich die Evangelische Pfarrgemeinde Schladming immer um eine gründliche Erklärung biblischer Texte aus dem Zusammenhang bemüht. Die Beschäftigung mit ihren unterschiedlichen Textsorten und Textrichtungen bedeutet für ihre Gruppen, Kreise und Schulungen bis heute: In der Bibel hat nicht alles das gleiche Gewicht. Was sie beschreibt, schreibt sie nicht unbedingt auch allen vor. Die Inspiration der Bibel ist nur dann argumentierbar und kommunizierbar, wenn sie nicht als mechanisches Diktat missverstanden wird. Eine nicht zu hinterfragende Bibelgewissheit blockiert die Einsicht in die Begrenztheit aller Bibelerkenntnis. Aus diesem Grund hält die Evangelische Pfarrgemeinde Schladming einen demütigen Umgang mit biblischen Texten für angemessen. Sie hat sich aber, auch ohne mit einem bibelfremden, mathematischlogischen Wahrheitsbegriff die perfekte Vollkommenheit der Bibel vorauszusetzen, trotzdem ihr Vertrauen in ihre Zuverlässigkeit und Wirksamkeit bewahrt.

4. UNSERE VERKÜNDIGUNG „Der Glaube kommt aus der Predigt, das Predigen aber aus dem Wort Christi” (Röm. 10,17). Weil die Verkündigung des Evangeliums Gottes Weg ist, eine verlorene Welt zu sich zu rufen, darum wird sie in der Evangelischen Pfarrgemeinde Schladming schon immer mit besonderer Sorgfalt behandelt. Was gepredigt wird, muss gelten, sonst gilt es nichts. Weil sich die frohe Botschaft niemand selber sagen kann, und weil das Evangelium der Skandal und die Torheit des Wortes vom Kreuz und der Auferstehung Jesu ist, darum vertrauen die, die verkündigen, nicht auf kluge Worte, sondern auf die Bevollmächtigung durch Christus. Sie binden die Gemeinde nicht an sich, sondern an ihn. Vollmacht ist die Befugnis des sendenden Christus, der sich mit seinen Gesandten identifiziert: „Wer euch hört, der hört mich” (Lk. 10,16). Christus selbst ergreift das Wort. Vollmacht kommt aus der Stille vor ihm. Nur wer vorher selbst gehört hat, hat auch etwas zu sagen. Predigende sind selbst die ersten Gerichteten und Aufgerichteten des Bibelwortes, das sie verkündigen. Vollmächtige Verkündigung ist wirksame Verkündigung, die die Hörer scheidet in solche, die sich öffnen und solche, die sich verweigern. Das ist eine unverfügbare Wirkung des Heiligen Geistes, die nicht machbar ist. Aber Predigende reden nicht nur über den Glauben. Sie nehmen in ihn mit und sprechen seinen Inhalt zu. Eine Predigt ist nur formal ein Vortrag. Geistlich betrachtet ist sie ein Ereignis und ein Kampfgeschehen, das Verlorene evakuiert und Glaubende ermächtigt. Nicht nur wegen ihrer zentralen Aufgabe, 2 Manifest 1522 sondern auch wegen der Gefahr „falscher Propheten” ist ein geordneter Zugang zum Predigtamt vorgesehen. Niemand empfiehlt sich selbst, oder fängt einfach an. Gepredigt wird immer anstelle und im Auftrag anderer Christen. Das evangelische Priestertum aller Gläubigen ist keine automatische Erhebung zum Expertentum für die Verkündigung. Das Predigtamt ist gebunden an eine Berufung und Beauftragung (Augsburger Bekenntnis Art. 5) und verbunden mit einer geistlichen Eignung und Zurüstung. Es gibt keinen vernünftigen geistlichen Grund, Frauen von vornherein davon auszuschließen. Die diesbezüglichen paulinischen Schweigegebote und Lehrverbote (1. Kor. 14,34 1. Tim 2,1) sind wegen der prinzipiellen Gleichheit von Mann und Frau an anderer Stelle (Gal. 3,28 1. Petr. 2,9) nicht zu verallgemeinern. Ihre Bedeutung bleibt eindeutig (1. Kor. 11,5) auf die besondere Situation in der Gemeinde von Korinth beschränkt. Die Evangelische Pfarrgemeinde Schladming blickt mit großer Dankbarkeit auf den ersten Dienst einer Pfarrerin in ihr zurück.

5. UNSERE VERANTWORTUNG Die Evangelische Pfarrgemeinde Schladming als Teil einer freien Kirche im freien Staat ist eine Körperschaft öffentlichen Rechtes. (Protestantengesetz 1961) Sie verwaltet ihre inneren Angelegenheiten selbständig, engagiert sich in Diakonie und Ökumene und verantwortet an den Schulen vor Ort den evangelischen Religionsunterricht. Im Laufe ihrer Geschichte ist sie immer wieder durch gesellschaftliche, aber auch innerkirchliche Fragen herausgefordert worden. Zu ihnen hat sie Stellung genommen, und dadurch Orientierung gegeben. Fehlentwicklungen der Gesamtkirche sind nie unkritisch hingenommen worden. Eine christozentrische, missionarische Gemeindearbeit ist darum auch immer möglich geblieben. Eine Positionierung außerhalb der Kirche, von wo aus eine Beeinflussung des Kirchenkurses sinnlos wird, kommt für die Evangelische Pfarrgemeinde Schladming nicht infrage. Damit sie Gottes Willen nicht mit eigenen Gedanken, ja Machtgelüsten verwechselt, ignoriert sie nicht die Korrektur durch Christus oder durch Glaubensgeschwister. Sie versteht sich vielmehr als „ecclesia semper reformanda” (stets umzuwandelnde Kirche). Den ängstliche Versuch, die Komplexität christlicher Existenz durch einen entspannenden Rückzug in die Reinheit und Unabhängigkeit zu verringern, ist nicht zielführend, denn er manövriert nur ins selbstgewählte Abseits.

6. UNSERE HOFFNUNG Der Gang der Evangelischen Pfarrgemeinde Schladming durch die Zeit ist kein Triumphzug. Immer nur bruchstückhaft hat sie ihre Bestimmung gelebt. Aber sie besteht ja auch nicht durch eigene Vorzüge und Leistungen, sondern allein durch die Gnade Gottes. Am Ende wird es für sie nur darauf ankommen, dass sie treu gewesen ist und gehalten hat, was sie hatte, damit „niemand ihre Krone nehme” (Off. 3,11). Sie fühlt sich ihrer Tradition verpflichtet, ohne auf sie fixiert zu sein. So ist sie identifizierbar geblieben und hat sich den missionarischen Zugang zu ihren Zeitgenossen offengehalten. Bis heute weiß man, woran man mit der Evangelischen Pfarrgemeinde Schladming ist. Und sie weiß: Nur wenn die Kirche Kirche ist, kann sie auch missionarisch sein. Zu ihrem unverwechselbaren Profil gehört schließlich die Bereitschaft, Jesus das Kreuz nachzutragen. Im Vertrauen auf Christi Zusage der Bestandswahrung, dass die Pforten der Hölle sie nicht überwältigen sollen (Mt. 16,18), bleibt sie hoffnungsvoll an dem Dienst, zu dem sie berufen ist, und blickt getrost auf ihre endliche Vereinigung mit Christus in der Ewigkeit.

Andreas Gripentrog 

Dieser Beitrag wurde insgesamt 241 mal gelesen. Heutige Besucher auf diesem Beitrag: 1.
error: Content is protected !!